Fernweh nach Worten

Ich schreibe und schreibe und schreibe. Irgendwie kann ich im Moment nicht die richtigen Worte zu Papier bringen, die mich bewegen. Ich bin nicht unmotiviert etwas für den Blog zu schreiben. Ganz im Gegenteil – ich möchte den Blog mehr nutzen und mit Inhalt füllen, aber leider habe ich keine zündende Idee oder halte das, was ich veröffentlichen möchte für absoluten Humbug. Ich habe jede Menge Texte, die in meinem Notizheft schlummern und Dutzende von Fotos, die ich hochladen möchte, aber irgendwie passt nichts so richtig zusammen. Mir ist etwas die Ästhetik verloren gegangen. Ich möchte zum Denken anregen und im Gedächtnis bleiben. Ist es so schwer etwas Bleibendes zu hinterlassen? Ich fühle mich etwas verloren – es fühlt sich an wie ein Fernweh nach Worten, die irgendwo ganz weit weg sind. Vielleicht muss ich die Kraft der Worte erst wieder finden…die Frage ist nur: Wo soll ich suchen?

IMG_2857IMG_2858IMG_2876IMG_2875IMG_2870IMG_2900

Werbeanzeigen

And she ran out in the woods

„The Woods“

I asked Saint Christopher
To find your sister
And she ran out in the woods
And she ran out in the woods

 

IMG_0056

Oh, it was certain then
And we were trying to stop the winter
Killing all it could
Killing all it could

 
IMG_2765-2

And I pray a lot for you
And I look out for you

 
IMG_2285-2

We are what we are
Don’t need no excuses
For the scars
From our mothers

 

IMG_2652-2

And we know what we know
‚Cause we’re made of all the little bones
Of our fathers

 

IMG_2452-2

And I pray a lot for you
And I look out for you

 

IMG_3662 Kopie-2

And I pray a lot for you
And I look out for you

 

IMG_1842-2

I asked Saint Christopher
To find your sister
She ran out in the woods
‚Cause she ran out in the woods

 
IMG_3482-2
 
Song is called „The Woods“ from Daughter

 

In der Stille des Waldes

Es ist zu laut. Alles ist zu laut. Strom, Maschinen, Menschen. Die Stadt ist gefüllt mit einer Geräuschkulisse, die alles übertönt. Das sanfte Wispern der Blätter im Wind ist nicht zu hören, die Vögel können nur in Scharen kundtun, dass auch sie Teil der Stadt sind. Schreiende Kinder, brummende Neonlichter, hupende Autos. Berliner Nummernschilder drängen sich auf den holprigen Kopfsteinpflasterstraßen, um schnell das Wochenenddomizil zu erreichen. Alle versuchen dem Stress der Großstadt zu entkommen und fliehen in die Wälder um die Stadt, in kleine Bungalows oder abgeschiedene Waldhütten. Langsam wird es auch hier zu voll, weil jeder die Ruhe und Gelassenheit spüren möchte. Alles ist zu laut. Ich muss hier raus.

IMG_0921IMG_0922IMG_0914IMG_0920IMG_0919

An einem grauen Märzmorgen ziehe ich in den Wald. Ich lebe im Nordosten von Brandenburg, dort wo die Wälder noch schnell zu erreichen sind. Es ist für mich der Ort an den ich fliehen kann, um dem Lärm der Stadt zu entkommen. Ich kann den Kopf frei bekommen und mich wieder konzentrieren. Die trockenen Blätter unter meinen Schuhen knistern und vereinen sich mit dem Klicken meiner Kamera zu einem neuen Rhythmus, den ich am besten beherrsche.

IMG_0948IMG_0955IMG_0960IMG_0972IMG_0953IMG_0927

Unter den Kronen der Bäume suche ich nach Spechten, Eichelhähern und anderen Bewohnern. Ich schiebe das alte Laub beiseite und versuche die ersten Boten des Frühlings zu finden. Und dann kommt der Schnee. Der See ist noch gefroren und lässt alles starr wirken, dennoch tanzen die Schneeflocken noch ein letztes Mal vom Himmel und hüllen mich in eine weiße Schicht. Ich genieße den Moment – allein und in absoluter Stille. Kein Mensch weit und breit sieht mich, wie ich im Schnee tanze. Ich bin nass bis auf die Knochen und friere.

IMG_0946IMG_0939IMG_0934IMG_0968IMG_0973IMG_0974IMG_0978IMG_0979IMG_0981IMG_0982IMG_0985

Abenteuer in Brandenburg

Sonntag – seit Tagen sind die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Die Sonne scheint, der Himmel ist klar – jedoch ist der Wind, der aus dem Osten über das Land weht, mehr als unnachsichtig. Ein kräftige Brise peitscht uns entgegen als wir mal wieder der Unruhe der Stadt entfliehen wollen. Z. und ich sind gemütliche Menschen, die gerne mal den Alltag an sich vorbeiziehen lassen. Aber sonntags packt uns hin und wieder die Abenteuerlust und wir ziehen los in unbekannte Gefilde – brandenburgische Gefilde.

IMG_0005IMG_0045

Brandenburg ist ein naturreiches Bundesland und wird von vielen Leuten unterschätzt – gut, wir haben keine Berge, aber dafür wunderschöne Kiefer- und Buchenwälder, Biber, Wölfe und hin und wieder auch mal einen Elch, der die Ortschaft in Aufruhr versetzt, wenn er durch die Gärten spaziert. Brandenburg ist meine Heimat, gesäumt von tausend Seen, kleinen Flüssen und einer Vielzahl an Naturschutzgebieten.

IMG_0043IMG_0041IMG_0046

Unser Flecken Land ist dünn besiedelt und deshalb ist hier wahrscheinlich die Flora und Fauna so unberührt. So auch unser Weg durch den Wald – keine Menschenseele, die uns begegnet – auf der Suche nach einer Fischerhütte, die ich irgendwann mal auf einem Bild gesehen habe. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wo ich suchen soll. Ich wusste nur, dass sie sich in der Nähe eines Sees befindet, der offiziell nirgends angegeben wurde.

IMG_0027IMG_0038IMG_0039IMG_0028IMG_0020

Das Auto holpert über den Waldweg, die Sonne wirft lange Schatten und lässt unsere Fahrt ein wenig wie eine Prozession wirken. Die Bäume umringen uns. Das GPS zeigt an, dass sich drei Seen in der Nähe befinden. Z. steuert den ersten an. Der See ist nicht mehr als ein Tümpel, gefroren und immer wieder ist ein „klonk“ zuhören, was wie eine fremde Lebensform durch den Wald hallt. Der Wind kennt auch hier kein Erbarmen und wir ziehen uns die Kapuzen tief ins Gesicht. Ich kann nicht glauben, dass sich diese Hütte nicht hier befindet. Ich spüre, dass sie irgendwo sein muss.

IMG_0015IMG_0011IMG_0019

Ein paar hundert Meter weiter befindet sich der nächste See, versteckt hinter einer Schneise, die wohl oft von Wildschweinen besucht wird. Der Boden ist aufgewühlt, aber gefroren, deswegen kann ich nicht erkennen, ob sie vor kurzem hier waren. Z. meint, dass es sich nicht lohnt noch weiter zu gehen, doch ich lasse mich nicht davon abbringen, nach dieser Hütte zu suchen. Wir gehen noch tiefer in den Wald, hören die Äste knacken und weichen umgestürzten Birken aus, debattieren über neues Schuhwerk zum Wandern und unserer Liebe zur Natur.

IMG_0034IMG_0036IMG_0025

Und endlich – dort steht sie. Verlassen und ein bisschen verfallen. Im kargen Buchenwald steht sie allein, umringt von gefrorenem Wasser und wartet darauf entdeckt zu werden. Nicht ein Mucks ist zu hören – typisch Brandenburg. Der Steg ist glatt, aber stabil und ich bin aufgeregt, dass mich meine Intuition hier her geführt hat. Z. traut sich gleich auf die Veranda und untersucht alles. Ich genieße den Ausblick und die Wärme der Sonne. Die Kälte hat meine Hände steif gefroren, aber das ist egal, denn ich bin da wo ich hin wollte. Das Holz der Hütte ist dunkel gefärbt, kein Strom, kein fließendes Wasser. Alles wirkt als wäre es aus einer anderen Zeit. Das Skelett eines alten Kahns liegt am Ufer, die Lappen auf der Leine wehen im Wind. Wir verweilen einen Moment, malen uns aus, wie wir hier im Sommer sitzen – abgeschieden von der Zivilisation.

IMG_0033IMG_0031IMG_0024IMG_0022IMG_0030IMG_0021

Ich bin glücklich – ich weiß, wo ich zuhause bin.

IMG_0032

Lost amongst the leaves

By tomorrow we’ll be swimming with the fishes
Leave our troubles in the sand.
And when the sun comes up,
We’ll be nothing but dust,
Just the outlines of our hands

IMG_2173IMG_2177IMG_2166IMG_2180IMG_2167IMG_2176IMG_2168

By tomorrow we’ll be lost amongst the leaves,
In a wind that chills the skeletons of trees,
And when the moon, it shines, I will leave two lines.
Find my love, then find me.

IMG_2184IMG_2193IMG_2185IMG_2201IMG_2204

Don’t bring tomorrow
‚cause I already know
I’ll lose you
Don’t bring tomorrow
‚cause I already know
I’ll lose you
I’ll lose you

IMG_2213IMG_2209IMG_2226

By tomorrow I’ll be left in the darkness,
Amongst your cold sheets.
And your shoes will be gone,
And your body warmth no longer beside me.

IMG_2170IMG_2154IMG_2157IMG_2202

But don’t bring tomorrow
‚cause I already know
I’ll lose you
Don’t bring tomorrow
‚cause I already know
I’ll lose
I’ll lose
You

Tomorrow – Daughter

Whispering Pines tell Secrets

Kiefern, Tannen, Fichten – diese Bäume säumen die Wege, die ich seit einiger Zeit beschreite. Schwarze Kolkraben sitzen in ihren Kronen und überblicken die Ferne auf der Suche nach Eindringlingen. Ich bin einer dieser Eindringlinge. Eine Fremde, die in ihr Territorium vorrückt, um die Gegend zu erforschen und Geheimnisse zu lüften. Ich versuche mich so leise und langsam wie möglich zu bewegen, um ihnen keinen Grund zu liefern Alarm zu schlagen. Die Raben sind aufmerksam, die Wächter des Waldes richten ihre Augen in alle Richtungen, um die anderen Waldbewohner zu warnen. Noch haben sie mich nicht entdeckt. Ich habe dunkelgrüne und schwarze Kleidung gewählt, um im Unterholz nicht aufzufallen. Ich bleibe stehen und lausche nach ihren Rufen, doch es ist still und meine Tarnung bleibt bestehen. Das Moos unter meinen Schuhen ist sehr weich und gibt leicht nach, es ist fast so als würde man auf einer weichen Matte laufen. Die Kiefernnadeln bedecken den Boden komplett, keine Waldarbeiter in Sicht, die sich ihrer annehmen. Es ist November und die Ameisen haben sich tief in ihr dunkles Erdreich zurückgezogen, um den Winter zu überstehen. Abgebrochene Zweige knacken unter meinen Schuhsohlen – ich habe mich verraten.

IMG_1881IMG_1885IMG_1892IMG_1910IMG_1896IMG_1894 KopieIMG_1886

Ich höre ihre Flügelschläge, sie haben eine Patrouille ausgesandt. Ich gehe in Deckung hinter einer Fichte. Der Rabe fliegt über mich hinweg und bemerkt nicht, dass ich es bin, nach der er sucht. Glück gehabt – ich werde achtsamer einen Fuß vor den anderen setzen, um die Ruhe des Waldes nicht zu stören. Ich suche eine kleine Lichtung auf, um das Gebiet besser überblicken zu können. Ich setzte meine Ausrüstung ab und hole die Kamera aus der Tasche. Das Licht fällt an einigen Stellen sehr schön, obwohl der Himmel bewölkt ist, scheint die Sonne trotzdem durch die dünne Decke und lässt die Tannennadeln glänzen. Die Zapfen sind bereits zu Boden gefallen, der letzt Sturm hat sehr dazu beigetragen und die Baumkronen sehr in Mitleidenschaft gezogen. Doch diese Früchte werden für die meisten Waldbewohner das Brot für den nahenden Winter sein.

IMG_1911IMG_1909IMG_1891IMG_1904IMG_1903IMG_1907

Die Lichtung ist ein perfektes Versteck – niemand würde mich hier vermuten, auch wenn er sich noch so sehr anstrengt. Umringt von Tannennadeln und dem Geruch von frischem Baumharz – ich bin im Herzen des Waldes. Ich lehne mich an einen Baum und lausche wieder, ob mich jemand bemerkt hat. Stille – nur das leise Rascheln der Äste im Wind. Ich stelle mir vor, wer vor mir in diesem Gebiet gewesen sein mag. Ein Förster wahrscheinlich, denn nicht unweit steht eine Kanzel, die mir öfter als Ausguck dient. Es ist kalt, die Sonne hat an Wärme verloren, doch ich habe vorgesorgt und mir Tee mitgebracht. Eine Tasse Tee auf dem Waldboden genießen und für einen Moment die Sorgen der Welt vergessen. Das hat etwas ursprüngliches – an einem Ort zu sein, der nur sich selbst gehört und man selbst wird für einen Augenblick ein Teil davon.

IMG_1922IMG_1919IMG_1930IMG_1944IMG_1933

Es ist Zeit. Ich muss aufbrechen. Den Wald hinter mir lassen. Seine Wächter krächzen in den Bäumen. Sie schlagen Alarm. Bin ich es, die sie auffordern zu gehen? Ich packe meine Sachen zusammen und blicke mich um, niemand außer mir ist hier. Am Himmel kann ich zwei Raben entdecken, sie haben mich gesehen, drehen und landen über mir mit lauten Rufen. Ich werde verstoßen. Habe ich die Regeln gebrochen? Habe ich die Besonderheit dieses Ortes zu lange ausgekostet? Die Tannen tanzen in der Brise des Windes, er hallt im Geäst wieder – es sieht nach Aufbruch aus. Ich verlasse die Lichtung und gehe mit einem Gefühl zurück nicht allein zu sein. Und dort steht es – ein schwarzes Reh. Wir sehen uns an und der Respekt den ich spüre, ist nicht in Worte zu fassen. Ein Bewohner des Waldes, der sich selten offenbart. Ich bewege mich nicht und warte, bis es entscheidet, welchen Weg es einschlägt. Es verschwindet im Dickicht, so schnell wie es gekommen ist, lässt es mich allein zurück in seinem Reich. Ein letztes Mal lausche ich den Tannen, sie flüstern mir Geschichten zu, ihre Geheimnisse werden zu meinen.

IMG_1921IMG_1920IMG_1945IMG_1928IMG_1925IMG_1884 Kopie