Durchschaut

Ich scrolle durch den Instagram-Feed und alles was ich dabei empfinde ist Leere. Immer dieselben Gesichter, Motive, Filter – das was die Masse anspricht. Es leuchten Herzen, Kommentare und Follower-Zeichen auf, aber ich fühle nichts. Es ist nicht greifbar, nicht echt.

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Ich habe Leute, denen ich folge, weil mich ihre Denkweise anspricht oder ihre Ansichten mit meinen übereinstimmen, sie mir neue Ansätze für Kreativität geben, mich zu neuen Impulsen anregen, doch wenn ich mit ihnen in Kontakt treten möchte, dann bin ich nur eine von den zig Tausenden Followern, die oben in der Leiste stehen und eigentlich nichts erreichen, außer dem Influencer/Blogger eine höhere Reichweite zu bescheren. Dieselben, die auch Botschaften unter meinen Fotos hinterlassen, denen ich aber keine Beachtung schenke, weil es nichts persönliches ist und in der Cyberwelt verschwindet.

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Wer erinnert sich noch an den Post vom Vortag, wenn er nicht tausendfach geliked oder geteilt wurde? Ich produziere Kontent, lehne mich an die aktuellen Sachen an, verbringe Stunden auf der Suche nach einer Location, der Bearbeitung und den Überlegungen, wie man alles ins rechte Licht rückt. Wofür? Ich mache es für mich. Genauso wie ich diesen Blog für mich führe. Nicht, um zu zeigen, wie toll mein Leben ist und was ich kann, sondern als Erinnerung für mich selbst. Mein Kompendium sozusagen, welches als digitale Leiche im Äther des Internets umherschwimmt, ohne dass jemand davon Notiz nehmen würde, wenn er plötzlich verschwindet. All die Herzen, anonymen Köpfe und Lebensweisheiten bedeuten mir nichts. Die Welt spielt sich nicht hinter den Bildschirmen meines Laptops, Smartphones oder Tablets ab – sie ist da draußen! Auf der Straße, in Omas Küche und im Wald . Das ist die echte Welt mit echten Emotionen.

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Manchmal vergesse ich das, wenn der Regen gegen die Scheibe prasselt und ich mich dem Sog des Internets hingebe. Das Bewusstsein für das Wichtige im Leben geht dabei verloren, wenn man Feeds durchscrollt, auf der Suche nach den Problemen anderer Leute. Die sind genauso anonym wie ich. Ich weiß, dass es sie gibt, aber sie wissen nicht, dass es mich gibt. Macht mich das traurig? Nein. Ich bin dann für eine Weile betäubt und von meinen eigenen Problemen abgelenkt, aber das ist nicht von Dauer. Dann finde ich mich in meinem Schlafzimmer wieder mit einem Stift in der Hand, melancholischer Indie-Musik und einer warmen Wolljacke und schreibe mir meine Gedanken von der Seele. Ich ordne sie, tippe sie in meinen Laptop, suche Fotos heraus und uploade alles auf meinem Blog.

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Ein simpler Kreislauf, wie die digitale Welt mit der realen verschmilzt und somit ein Beitrag entsteht, den ich nicht geplant habe. Alles was ich sagen will ist: Wir sind alle relevant in der realen Welt, aber irrelevant in der digitalen Welt. Deshalb fahre ich lieber an einem kalten, nassen Morgen kilometerweit mit meinem Fahrrad durch die Gegend, setzte mich ins Gras und warte darauf, dass die Sonne durch die Baumkronen strahlt und ich in Ruhe ein Buch lesen kann. Dort gibt es keine Feeds und Follower, die diesen Moment liken und kommentierten. Es ist mein Moment.

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